Die ewig währende Kritik an Schiedsrichter und die Frage nach dem Videobeweis


Selten vergeht ein Wochenende, das die Schiedsrichter, ohne gerügt zu werden, überstehen. An letztem war es besonders schlimm. Nicht einmal wenn man die Tagesschau sah, kam man am eklatanten Fehler von Wolfgang Stark vorbei. Dass dieser wirklich falsch lag, ist unbestritten, aber sind Schiedsrichter wirklich nicht berechtigt, Fehler zu machen?

Der Aufreger des Spieltags - Marcel Schmelzer wird auf der Torlinie stehend angeschossen - Wolfgang Stark sieht ein Handspiel und handelt richtig: Rote Karte und Elfmeter. Das einzige Problem ist nur: Es lag gar kein Handspiel vor. Doch damit nicht genug, zwei Mal hatte er das Abseits nicht gesehen und dann noch der zweite Elfmeter. „So ein schlechter Schiedsrichter!“ „Wie kann man so jemanden denn noch pfeifen lassen!“ „Das war doch Schiebung!“ Das Geschrei war so groß wie lange nicht mehr. 

Ich gebe zu, dass ich in dieser Hinsicht vorbelastet bin. Ja, ich bin Schiedsrichter und es tut mir Leid. Aber wenn ich die Kommentare der „BILD“-Leser mitbekomme, dann platzt mir der Kragen. Und der Umgang der Medien mit diesem Thema ist so ungerecht, dass ich mich frage, weshalb ich noch fernsehe. 
Vor wenigen Tagen stirbt in den Niederlanden ein Schiedsrichter, nachdem junge Spieler ihn nach einem Spiel zusammengeschlagen haben. In Berlin werden jedes Wochenende 12-15 Spiele wegen Übergriffen auf die Referees abgebrochen. Und dann wundert sich die Medienlandschaft, weshalb die Sicht auf die Schiedsrichter so schlecht ist? 

Doch zurück zu Herrn Stark: Sollte jemand dieses Spiel live oder in der Zusammenfassung gesehen haben, dann kann er vielleicht mitreden. Ohne Wiederholung und in normaler Spielgeschwindigkeit sah es wirklich so aus, als hätte Schmelzer den Ball mit der Hand aufgehalten. Ja, wir sind weiter weg, aber rein intuitiv hätte ich genauso gehandelt. Und dann kommen eins, zwei, vielleicht sogar drei Wiederholungen der Szene, die allesamt belegen, dass Wolfgang Stark falsch lag - fragen wir uns, wie viele er hatte. Danach noch die Abseitsstellung vom Stürmer Wolfsburgs, die ja SO offensichtlich war. Wer mir erzählt, dass 30cm viel sind, und man diesen Unterschied über 30m in einem Bruchteil einer Sekunde entscheiden soll, dem sei gesagt, dass es wirklich nicht so einfach ist, wie es aussieht. 
Und wenn, dann ist das die Aufgabe des Schiedsrichterassistenten. Aber nein, Herr Stark ist schuld und schuldig. Da hilft auch seine Entschuldigung nichts. Die bringe ja keine Punkte zurück, meinen die Facebooknutzer. Doch was es für ein Gefühl ist, wenn 70000 einen Schmähgesang anstimmen, die Medien und ihre sogenannten Experten dich kritisch, aber natürlich „objektiv“ hinterfragen, bis deine Leistung wirklich unterirdisch war, und womöglich deine Kinder sich am nächsten Tag kaum trauen, in die Schule zu gehen. 

Bei Babak Rafati, dem Schiedsrichter der Suizid begehen wollte, waren alle so betroffen. „So etwas darf nicht wieder vorkommen und wir müssen die menschliche Seite an unseren Schiedsrichtern sehen.“ So oder so ähnlich schallt es dann von der Pressekonferenz des DfB. Und die Fans stimmen zu. Aber wenn es in einem Spiel eine entscheidende Fehlentscheidung gibt, dann wird draufgehauen - ohne wenn und aber. Diese Scheinheiligkeit finde ich so unerträglich. Es ist ungerecht und viel zu kurz gedacht. 

Und dass sich nach so einem Spiel die Fans aufregen, dass solche Fehler niemals passieren dürfen oder dass Herr Stark schon gemacht haben soll, geht erst recht nicht in meinen Kopf. Wenn wir die Fehler eines Schiedsrichtergespann auf ein Spiel hochrechnen, dann kommen wir da mit Stellungsfehlern, die wohl nur ein erfahrener Schiedsrichter erkennen kann, auf maximal 10 Fehler bei einem sehr schlechten Spiel.
Da kommt ein Fußballspieler auf mindestens das Zehnfache. Und warum? Weil er Entscheidungen treffen muss - genau wie ein Schiedsrichter. Allerdings treffen Schiedsrichter auf diesem Niveau, und Stark ist FIFA-Referee, also wohl einer der Besten, die wir momentan haben, fast nur richtige Entscheidungen. 


Zuletzt regten sich die Fans über das Sicherheitspaket auf und skandierten, dass die Fankultur und damit die Emotion im Fußball nun am Ende sei. Aber im gleichen Atemzug fordern sie die Einführung von technischen Hilfsmitteln. Ob Torkamera, Chip im Ball oder Videobeweis - das einzige, das daraus resultierte, wäre, dass sich die Emotion, die den einzigen Grund darstellt, weshalb so viele Menschen den Fußball lieben, verabschieden würde. 

In diesem Punkt bin ich absolut intolerant. Kritik an Schiedsrichter muss weiterhin möglich sein, aber wie man in diesem Land mit menschlichen Fehlern umgeht, ist eine Farce. Möglicherweise sieht man meine Wutrede hier als überzogen an, aber um einmal negativ über Schiedsrichter reden zu können, sollte man mindestens einmal ein Kinder -bzw. Jugendspiel selbst gepfiffen haben. Einmal den Druck der Eltern fühlen - das Unverständnis der Kinder - die Aggressivität der Trainer. 


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