Donnerstag, 31. Juli 2014

Einige Gedanken zu Büchern und warum ich lese

Wie das so ist mit den Gedanken, kommen sie bei mir am häufigsten innerhalb eines Gespräches zustande, in welchem sich die beiden Gesprächspartner zumeist unbewusst einem Thema widmen, über das sie dann referieren. Meine Einfälle häufen sich dann, aber was den Diskurs ausmacht, ist, dass mein Gegenüber mich auf eine Idee bringt, die länger beschäftigt. Zuletzt geschah dies, nachdem wir uns über Bücher und Filme unterhielten und auf die Frage, was ich nun läse, antwortete ich „Grenzgang“ von Stephan Thome. (Wem dieses Buch kein Begriff ist, sollte sich nötigenfalls darüber informieren oder einfach mich fragen.)
In jedem Fall bekam ich als Antwort, dass das Buch zu real und traurig sei, woraufhin ich fragte, ob reale und traurige Bücher nicht seine Sache seien, was schlussendlich darin mündete, dass die These „Für mich sind Bücher und Filme eher ein Weg aus der Realität zu entkommen“ in den Raum gestellt wurde.

Und darüber, man kann es sich nicht vorstellen, zerbrach ich mir die darauffolgenden Minuten und Stunden den Kopf:
Dass in Büchern Realitäten, wie absurd und abstrus sie auch immer sein mögen, abgebildet werden, steht nun für mich außer Frage. Aber ist es der vorderste Gedanke bzw. geht es der Mehrzahl der Leser von Büchern darum, aus der Realität für einen Augenblick zu entkommen?

Ich lese sehr selten Fantasybücher. Warum das so ist, weiß ich selbst nicht so recht. Im Grunde genommen regen sie die Phantasie am meisten an und erlauben es uns, in eine vollkommen irreale Welt einzutauchen und uns zu erträumen, wie das Leben sein könnte. Ich denke, dass diese Geschichten es uns ermöglichen am einfachsten abzutauchen in Realitäten, die uns zwar fremd, aber doch interessant und beschaulich erscheinen. 
Wahrscheinlich sprechen sie mich nicht so an, weil ich mich eher für Lebensgeschichten und reale Zusammenhänge interessiere.

Dennoch bin ich der Meinung, dass mein Gesprächspartner recht hatte, denn selbst reale Geschichten lassen uns aus dem Hier und Jetzt entkommen und für einen Moment der Ruhe in ein anderes, fremdes Leben eintauchen. Und wie sehr ich die These bestätigen kann, wurde mir erst heute klar (ja, ich schreibe schon mehrere Tage an diesem Text):
Wenn ich mich fallen lassen möchte, mir die Menschen in meinem Umfeld die Nerven rauben oder ich das Gefühl habe, dass die Welt sich nicht so verhält, wie ich mir das wünsche, nehme ich mir ein Buch, dass mich ablenkt und mir die Möglichkeit gibt, meine Gedanken mit anderem zu füllen als nutzlosem Gelaber. Dann lebe ich die Probleme, Freuden und Unwägbarkeiten der Handelnden des Buches. Und was das für eine Erholung sein kann, weiß jeder, der ein Buch schon einmal nicht mehr aus der Hand legen konnte.

An dieser Stelle möchte ich aber noch anbringen, dass es für mich auch andere Gründe gibt, warum ich zu Büchern greife: 
Zum einen ist es für mich studienbedingt, mehr als 30 Bücher in einem Semester lesen zu müssen.
Klassiker der deutschen Literatur erscheinen den Schülern, die sie lesen müssen, oft so weltfremd. Mir geht es da meist anders. Schon allein auf die Frage, warum ein Buch zum Klassiker wurde, - ja, liebe Kinder, Faust wurde irgendwann als normaler Text geschrieben und hat sich erst einige Jahre später zum Klassiker entwickelt - gibt es die klare Antwort, dass es entweder zeitgeschichtlich von unglaublicher Bedeutung war oder aber immer noch einen bedeutenden Bezug zur Gegenwart hat. Das beste Beispiel dafür ist eines, welches mein Professor zum besten gab. „Der Process“ von Franz Kafka lässt sich super für die momentane Preisgabe persönlicher Daten auf Facebook oder meinem eigenen Blog anwenden. Niemand zwingt uns unsere persönlichen Befindlichkeiten und Bilder irgendwem preiszugeben, dennoch vergeht kein Tag, an dem niemand aus meiner Freundesliste ein Bild von sich hochlädt. Ähnlich verhält es sich mit Josef K. - aber an dieser Stelle möchte ich nicht spoilern, wer sich dafür interessiert und genug Durchhaltevermögen besitzt, wird einiges mitnehmen können.
Doch zurück zum Thema - abgesehen von dem Klassikerstatus und der Gegenwartsbedeutung bestimmter Bücher ist ein weiterer Beweggrund für mich, das Bedürfnis mich selbst bilden zu wollen. Viele Werke haben in sich eine erzieherische Intention bzw. stellen kontroverse Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt. Ob ich jetzt an „Die Maßnahme“ von Brecht denke oder, um mal in der Gegenwart zu bleiben, an ein Buch von Thilo Sarrazin, es bleiben immer Fragen offen, über die es sich Gedanken zu machen gilt. Ich möchte an dieser Stelle nicht darauf eingehen, inwiefern ich die Bücher für gut oder schlecht halte, die Haltung des Autors als angemessen erachte oder inwiefern das Buch kontrovers ist. In jedem Fall lohnt es sich, sie gelesen zu haben, um sich eine eigene Meinung bilden zu können, die nicht maßgeblich von den Medien geprägt ist.
Und solche Bücher sind es, die gelesen werden müssen, um am gesellschaftlichen und medialen Diskurs teilnehmen zu können. Natürlich kann ich mir alles von den Medien, meinen Mitmenschen oder dem Internet vorkauen lassen und dann erzählen, was sich andere Menschen, die das Buch nicht zwangsläufig gelesen haben müssen, denken, aber dann darf ich mich nicht beschweren, wenn wieder einmal ein Populist erzählt, dass die Medien uns alle gleichschalten.

Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Gründe, warum man liest. Oder Filme schaut. Falls jemandem, der den Text bis zum Ende las, einer einfällt, möge er mich in den Kommentaren davon in Kenntnis setzen. (Ich bin absichtlich nicht auf den Unterhaltungswert eines Buches eingegangen, da ich der Meinung bin, dass es davon zu viele gibt. Also Bücher, die keinerlei anderen Nutzen haben, als die Menschen zu unterhalten.)



In diesem Sinne,
viel Spaß und liebste Grüße
amaXing

1 Kommentar:

  1. Guten Tag amaXing,
    schön, dass Sie wieder schreiben! Und wie zu erwarten war, auch gleich wieder ein spannendes Thema, dass Sie sich da ausgesucht haben.
    Ein weiterer Grund könnte sein, dass man einen Ratgeber in Büchern sucht. Man wählt also Bücher, in denen sich die Handelnden in ähnlichen Situationen wie man selbst befinden, um zu sehen, wie sie damit umgehen. Wie eine kleine Therapie sozusagen.
    LG und ich freue mich auf folgende Texte!

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